Ich weiß es nun – aber kann ich es auch?
Im Laufe meiner beruflichen Zeit als Createur, Berater, Trainer und Dozent durfte ich eine Menge Wissen ansammeln. Wissen über Design, Konzepte, Text, Kommunikation, über Kreativität, über Persönlichkeit, Führung, über Rhetorik, Präsentationstechniken, über Moderation usw. Viele Hunderte Fachbücher und viele GB an digitalen Wissensschätzen unterstützen dieses Guthaben. Dank KI haben wir alle dieses Wissen seit einigen Jahren in nahezu Echtzeit sogar mobil und quasi überall zur Verfügung.
Das hat zur Folge, dass zu meinen Seminaren, Workshops und Weiterbildungsevents Menschen kommen, die immer mehr Wissen wollen. Immer noch DIE Wissensgesellschaft? Ja, immer mehr – Big, big data-driven ... Manche freuen sich über neue Tools, neue Methoden oder auch bewährte Ansätze und Grundlagen. Das alles ist wichtig und die Grundlage authentischer und seriöser Weiterbildung.
Was ich jedoch immer und gerne zu Beginn einer Weiterbildungsmaßnahme den Teilnehmenden oder Studierenden sage, ist folgendes: Selbst wenn wir alles wüssten, könnten wir es noch nicht anwenden. Das klingt einfach und klar. Und sagt so viel. Viele kluge Menschen schreiben viele gute Bücher. Mit wissenschaftlich sauberen Quellenangaben, logischer Gliederung und eloquenten Gedanken in schöner Gestaltung. Oder auch kurze Essays. Dazu darf ich mich zählen. Aber alles Wissen wäre nur ein „Das klingt interessant“ wert, wenn es dann nicht weiterginge. In der sogenannten Lernzieltaxonomie kennt man Stufen, die letztlich in die Kreation des Wissens führen, in den spielerischen und zielorientierten Umgang damit. Nach der Wissensaufnahme kommt das Verstehen und das Anwenden. Es geht mit Analysieren und Evaluieren weiter. Und endet im Erschaffen von Neuem. Das Neue ist zum Beispiel eine Verhaltensänderung, das Unterbrechen von Gewohnheiten und Reiz-Reaktionsmustern, das angemessene Handeln durch erlernte Optionen und neue, routinierte Anwendungserfahrungen. Im Marketing sind es neue Konzepte und Wege, in der Fertigung neue Produkte, in der Dienstleistung neue Services etc.
Kurzum: Viel Wissen ohne Anwendung ist wie ein Haufen schönes Geschirr im Schrank ohne Nutzung desselben.
Wir brauchen Übersetzung und ÜbersetzerInnen. Wir brauchen Wissenssimulation und motivierende TrainerInnen und MentorInnen. Wir brauchen Menschen, die andere Menschen mit dem Wissen und den sich daraus ergebenden Handlungsoptionen begeistern und begleiten. Gute Lehrende, Trainierende, Coachende lesen nicht nur vor oder zitieren nicht nur aus Büchern. Sie gehen voran, machen mit und vor; und inspirieren andere, es selbst einmal auszuprobieren. Üben, üben, üben eben. Mit Mut, mit Scheitern, mit Erfolgen und einem Gefühl neu gewonnener Kontrolle.
Erst aktuell in dieser Woche erlebte ich es bei einem Weltmarktführer namens LIEBHERR, den ich seit über 15 Jahren im Bereich der Kommunikation, der Kreativität, des Konfliktmanagements und der Moderation begleiten darf. Verschiedene Menschen kommen zusammen, wollen sich weiterentwickeln und möchten das Wissensarrangement nutzen. Aber können sie es schon anwenden?
Gute Trainings, wirkungsvolle Weiterbildung, echte Transformation bleiben beim Wissen nicht stehen oder beim schnellen Blick in die KI. Sie stellt viele Fragen und dabei vor allem eine: Was mache ICH damit? Wie komme ICH damit klar? Passt das alles zu MIR? Ist das MEINE Methode? Wo muss ich ordentlich aus meiner Komfortzone ausbrechen, damit sich überhaupt etwas verändert?
Lieber Fachleute aus der Personalentwicklung, der Didaktik, der Lehre, der internen Akademien usw., wie sind Eure Erfahrungen im Umgang mit erfolgreich angewandtem Wissen?
Oliver Fink